Lexikon der Swissness (V)

Fixerstübli, das

Politisch korrekt ist der Begriff nicht. Aber in Monika Stockers Sozialdepartement weiss man sofort, was ich sehen möchte. Die «Konsum- und Anlaufstellen» (kurz: K&A) unterstehen Herrn Herzig, der gerade nicht erreichbar ist, weil er heikle Gespräche mit künftig ehemaligen Mitarbeitern führen muss (>Sparpaket). «Injection room» (Konsumraum) nennen es die Fachleute, wenn sie an internationalen Kongressen erklären müssen, was der hiesige Volksmund unverdrossen «Fixerstübli» nennt. «Street corner agency with shooting room» heissen sie in der angelsächsischen Literatur. Die «Shooting gallery» verhalf Sydney zu einer Olympiade ohne sichtbares Drogenelend. «Narcosalas» nennt man in Turin nach der Madrider Kopie des Zürcher Originals die Fixerräume. Erfunden wurden sie in Holland. Aber das globale Referenzmodell für Schadensminderung betreibt die Stadt Zürich.

Claudius Natsch, Basler Psychiatriepfleger und Herzig unterstellt, der Betriebsleiter, führt mich aus seinem Büro im Globus-Provisorium (>Globuskrawalle) in die Brunau, wo hinter den Gleisen, neben der lärmigen Baustelle für Sihlcity, die Stadt an der Allmendstrasse 1 eine K&A betreibt. Der holzverkleidete Quader auf solidem Betonsockel ist niederschwellig über eine kurze Feuerleiter erreichbar.

«Ein Provisorium?»

«Ursprünglich, aber nun wird es Dauer haben.»

Aus Vancouver, Melbourne, Magdeburg, Rom und Madrid kamen sie zur Besichtigung: erst Politiker, dann Drogenfachleute, dann Sozialarbeiter. Aus Graz kamen Studenten einer Hochschule für Sozialarbeit, der Reporter eines Kulturradios aus Dänemark. Selbst in Bern, wo Behörden aus Usbekistan das «Schweizer Modell» studieren, verlangt man mehr Mittel, um auch in der Bundeshauptstadt das «Zürcher Modell» umsetzen zu können.

Es ist früher Nachmittag. Natsch öffnet die Türe, vor der von 16 bis 23 Uhr ein Securitas die Strichliste über die Eintritte («Kontakte») führt und darüber wacht, dass nur Stadtzürcher (>Heimatort) eintreten. Um die 250 sind es in der Brunau pro Tag, sieben Tage die Woche. Nur die Hälfte von ihnen konsumiert mitgebrachte Drogen im Rauchzimmer oder im Konsumraum.

«Noch nie ist hier etwas Schlimmeres vorgefallen», bemerkt der Betriebsleiter, der 1992 mit seinen schweizweit 419 Drogentoten (2002: 135) ein Methadonprogramm leitete, und tastet im kalt-weissen Stübli vergeblich nach einem Stück Holz (>Aberglaube). Einzig fünf Chromstahltische, unverwüstlich und spiegelblank desinfizierbar, und ebenso viele blecherne Klappstühle aus Tennessee («ein Modell der US Army: solid und leicht zu reinigen») geben Halt. Die Spritzen und Fixerutensilien sind in Plastikboxen im Metallgestell säuberlich aufgereiht, davor ein ergonomischer Stuhl (>Verwaltung) für den Aufsicht habenden Sozialarbeiter mit Reanimationsausbildung (>Rettungshelikopter). Zuunterst Sauerstoffflasche und Beatmungsbeutel. Auf 30 Minuten ist die Aufenthaltsdauer im Raum beschränkt: Zum Warmwerden besteht kein Anlass.

Drei Mitarbeiter kommen. Ausbildung in Psychiatriepflege ist von Vorteil, eine gefestigte Persönlichkeit Voraussetzung. Bis zu 70 Prozent der Klienten haben nebst der Sucht auch psychiatrische Probleme zwischen Borderline und Psychosen, die sie durch Heroinkonsum beruhigen. In der geschlossenen Klinik würden sie stören, würden unnötig desintegriert. So kommen sie täglich aus Notschlafstellen, begleiteten Wohngemeinschaften und dem Krankenzimmer für Obdachlose in diese von der «Koalition der Vernunft» (>Konkordanz) von 1991 ermöglichten Einrichtung.

Sie tun hier, was ausserhalb, nach dem Willen des Parlaments von 2003 (>Gschtürm), weiterhin einen Strafregistereintrag zur Folge haben soll. Ab und zu kommt auch ein süchtiger Banker oder Broker vorbei. Das desinfizierte Geschirr wird gerichtet: Nierenschale, Teelöffel, 1,5 ml NaCl, Filter, Tupfer und Pflaster. Jedem das Seine.

Nein, eine subkulturelle Soziabilität bilden sie nicht aus. Sie gehen im Schnitt gegen die vierzig, konsumieren im Schnitt schon über 12 Jahre harte Drogen, verstehen sich nicht als Fixer und können hier Grundbedürfnisse befriedigen (Beschäftigung, Dusche, Wäsche, Gespräche, Fernsehen). Auf dem verleimten Buchenholz stapelbarer Stühle (Dietiker Switzerland) sitzend, spielen sie Schach, Bingo, Voodoo und vor allem Backgammon. An einer Ikea-Bar wie aus dem Set von «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» wird Sirup, Tee und Kaffee ausgeschenkt.

Alkohol ist verboten, er macht aggressiv. An die Stammtische der Stadt richten sich denn auch die «gebetsmühlenartig» (NZZ) wiederholten Streichungsanträge in der Drogenpolitik von Markus Schwyn, SVP-Fraktionschef im Gemeinderat.

Schwyns Mutter, die Mitglied der Begleitgruppe der K&A Brunau ist, meint, es sei weit weniger schlimm, als man befürchtet hätte, und der Drogenstrich sei verschwunden. Ob diese Drogenpolitik «vernünftig» sei, wisse sie nicht, aber «um Herrgottswillen, irgendwo müssen sie ja sein».

Giorgio V. Girardet